Studie des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: Welche Familien haben mehr als zwei Kinder?

07/2019

Berlin. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung kritisiert, dass Kinderreichtum in Deutschland nicht gefördert wird. Von Jörg Ratzsch und Michael Bauer (Pfälzischer Merkur vom 26.06.2019)

Mutter, Vater, zwei Kinder – die „Standardfamilie“ wird gerne herangezogen für Beispielrechnungen bei der Steuer oder wenn es um Fragen der Familienpolitik geht. Dabei müssten die Politiker ihren Blick viel stärker auf Familien mit mehr Kindern richten und diese fördern. Zu diesem Schluss kommt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in einer Studie, die am Mittwoch in Berlin vorgelegt wurde. Die Wissenschaftler haben untersucht, wo in Deutschland Kinderreichtum besonders verbreitet ist und wo nicht, welche Faktoren für Kinderreichtum ausschlaggebend sind und was passieren muss, damit sich mehr Eltern für mehr Kinder entscheiden. „Familienpolitisch wird Kinderreichtum in Deutschland nicht gezielt gefördert“, schreiben die Autoren. Die Bedeutung der kinderreichen Familien für die demografische Nachhaltigkeit stehe im Kontrast zu ihrem Stellenwert in Politik und Gesellschaft. Deshalb lautet die Empfehlung der Experten: Wenn die Geburtenrate wieder ansteigen soll, dann muss die Politik „Hindernisse für dritte Geburten“ beseitigen. Viele Frauen und Männer, die sich drei oder mehr Kinder wünschen, setzten diesen Wunsch nicht um, sagte BiB-Forschungsdirektor Martin Bujard. Er plädiert vor allem für eine bessere Infrastruktur für Familien, mehr Wohnungen mit fünf oder sechs Zimmern und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Es gibt heute rund 1,4 Millionen kinderreiche Familien in Deutschland und große regionale Unterschiede. Die Studie schlüsselt das bis auf Land- und Stadtkreise hinunter auf: Spitzenreiter ist der Kreis Cloppenburg in Niedersachsen. Jede vierte Frau der Jahrgänge 1970 bis 1972 hat dort drei oder mehr Kinder. Im Saarland ist es jede sechste Frau der Jahrgänge 1965 bis 1974 (16,2 Prozent). Im Kreis Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt dagegen nur jede 14. Frau. Ursachen für die Unterschiede in Deutschland gibt es viele – das reicht von der Bevölkerungsstruktur bis hin zu regionalen und kulturellen Gegebenheiten. Zur Studie »

Den Forschern ist ein Punkt besonders wichtig: gesellschaftliche Akzeptanz. Damit sich noch mehr Eltern für mehr Kinder entscheiden, sei „die politische und gesellschaftliche Anerkennung kinderreicher Familien von zentraler Bedeutung“. Jahrzehntelang sei ein negativer Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderreichtum hergestellt worden – das habe zu einer Stigmatisierung kinderreicher Familien beigetragen. Bezeichnend dafür ist eine Umfrage, auf die die Studie verweist: Zwar stimmt nur jeder Zehnte persönlich der Aussage zu, „Kinderreiche gelten als asozial“, aber gut 80 Prozent der Befragten glauben, dass die Gesellschaft insgesamt so denkt.

Stefan Fenchel, der mit seiner Frau und sechs Kindern in Sachsen lebt, fühlt seine Familie im Alltag keineswegs stigmatisiert. Zwar gebe es hin und wieder Leute, die komisch schauten, wenn die kinderreiche Familie unterwegs sei, erzählt der 50-Jährige. „Oft kommen aber auch Menschen spontan auf meine Frau zu und sagen: Ich hätte auch gerne mehr Kinder gehabt, das hat aus diesem oder jenen Grund nicht geklappt.“

Die Fenchels leben auf einem früheren Bauernhof in Schönwölkau. Emma Fenchel, die aus Kanada stammt, unterrichtet ihre Kinder in Englisch. Ein wirtschaftlicher Zwang zur Erwerbsarbeit besteht bei der 36-Jährigen nicht; Stefan Fenchel arbeitet als Führungskraft bei BMW. Die Eheleute sind nach eigenen Angaben „fest im christlichen Glauben verankert“.

Natürlich sei der Alltag mit vielen Kindern manchmal schwierig, räumt der Vater ein. So sei der Transport auf dem Land eine logistische Herausforderung. Zwei große Familienvans helfen den Fenchels dabei, sie Tag für Tag zu bewältigen. Und auch die Fahrt in den Urlaub mit eventuellen Zwischenstopps und generell die Kosten dafür verlangen der Großfamilie einiges ab. „Doch mir fallen gar nicht so viele Abstriche im Alltag ein“, sagt der gebürtige Bayer. Im Gegensatz zu vielen anderen Familien spielt das Thema Kinderbetreuung bei den Fenchels keine große Rolle. „Wir haben kein Problem damit, wir persönlich haben auch keinen Bedarf“, erklärt er.

Gut im Vergleich etwa zur kanadische Heimat seiner Frau findet er in Deutschland die soziale Absicherung von Familien etwa bei Krankenversicherung, Eltern- und Kindergeld. Dafür gehe es in Nordamerika in anderen Punkten familiengerechter zu. So sei es dort viel leichter, mit vielen Kindern in ein Restaurant zu gehen. Auch die Anrechnung der Erziehungszeiten auf die Rente seiner Frau sei „toll“, erklärt der Familienvater. Derartige Förderungen seien wichtig, um Familien zu mehr Kindern zu ermutigen. Für nötig hält er noch die Bereitstellung von besserem Wohnraum für größere Familien.

„Es ist eine bewusste Entscheidung, auf gewisse Dinge auch zu verzichten“, erklärt Fenchel. „Das wird aber mehr als aufgewogen mit der Freude, eine große Familie zu haben. Wenn ich abends von der Arbeit komme, ist das Haus voller Leute.“